Good old Europe?

Dirk Arning

Wer die Nachrichtenlage der vergangenen Zeit zusammenfassen möchte, kommt nicht umhin festzustellen, dass sich die Globalisierung stark verlangsamt hat, sich teilweise sogar umkehrt. Europa sei der Verlierer dieser Entwicklung, ist häufig zu hören. Unsere Aktienstrategie ist aber weiterhin stark auf europäische Aktien ausgerichtet. Ist das noch grundsätzlich richtig? Wo liegen die Chancen für europäische Unternehmen in dieser sich verändernden Welt?

Noch vor wenigen Jahren haben viele europäische Unternehmen ihr Heil in einer stärkeren Internationalisierung gesucht, vor allem im Wachstumsmarkt China. Aber inzwischen macht sich Europa Gedanken um seine Abhängigkeiten: Militärisch abhängig von den USA, wirtschaftlich von Rohstoffimporten, Lieferketten und Absatzmärkten in Übersee. Gleichzeitig schotten sich die einst attraktiven Absatzmärkte USA und China zunehmend gegen Einfuhren ab. Europa muss sich selbst der offenen Bedrohung durch Russland erwehren, darf nicht mit Rohstoffimporten erpressbar sein und seine Lieferketten weniger angreifbar machen. „Onshoring“, also die strategische Rückverlagerung oder Ansiedlung von Produktions- oder Dienstleistungsaktivitäten aus dem Ausland zurück nach Europa, dürfte ein Trend der kommenden Jahre sein. Europa wird sich in dieser neuen Weltordnung stärker auf sich selbst fokussieren. Der EU-Binnenmarkt ist der größte wirklich funktionierende Binnenmarkt der Welt: Er umfasst rund 450 Millionen Konsumenten in den 27 EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz und ist damit größer als die USA. Zudem schädigt Trump mit seinen zahlreichen Eingriffen in die Märkte und seiner isolationistischen Politik auf Dauer die US-Volkswirtschaft, statt sie zu stärken. Zwar dürften auch in Europa die Eingriffe in die Märkte eher zu- als abnehmen, häufig aber wohl mit dem Ziel, das „Onshoring“ zu fördern. Bei europäischen Konzernen mit hohen Investitionen in China wie BASF und Volkswagen sehen wir Risiken, zumal China nicht mehr der stark wachsende Absatzmarkt ist, sondern zunehmend ein Konkurrent.

Potenzielle Gewinner sind vielmehr Unternehmen, die auf dem großen europäischen Binnenmarkt erfolgreich sind. Ein Beispiel dafür ist die Finanzbranche: Europäische Banken und Versicherungen sind außerhalb Europas eher wenig aktiv, haben aber umgekehrt in Europa wenig Konkurrenz von außerhalb. Schon seit einigen Jahren sind wir beispielsweise in Société Générale, SCOR, AXA und ASR Nederland investiert und haben es nicht bereut.

Newsletter vom 29. April 2026

Dirk Arning – Geschäftsführer
Investmentclub „Actien Club Coeln“

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