Blick in die Zukunft: Was bringt das zweite Halbjahr 2026?

Martin Schilling

Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in einem Spannungsfeld, das von zwei gegenläufigen Impulsen geprägt wird: einem negativen Angebotsschock durch den Krieg im Nahen Osten und einem positiven Nachfrageschub durch mehr Investitionen, der vor allem durch Fortschritte und breite Anwendung Künstlicher Intelligenz getragen wird. Trotz der anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten und der in diesem Jahr deutlich gestiegenen Energiepreise hat sich die globale Wirtschaft bislang als widerstandsfähig erwiesen. Allerdings fallen die konjunkturellen Auswirkungen dieser Einflussfaktoren von Land zu Land unterschiedlich aus, je nach Energieabhängigkeit und Einbindung in die technologiegetriebene Wertschöpfung.

Der Internationale Währungsfonds geht von einem globalen Wirtschaftswachstum von 3,0 Prozent im Jahr 2026 und 3,4 Prozent im Jahr 2027 aus. Diese Prognosen liegen nur etwas unter dem Durchschnitt der Jahre 2024/25. Hinter dieser scheinbaren Stabilität verbirgt sich jedoch eine stärkere Spreizung: Zu den potenziellen Gewinnern gehören einerseits Energieexporteure außerhalb des Nahen Ostens sowie Volkswirtschaften, die eng in den globalen Technologiezyklus eingebunden sind. Demgegenüber geraten Energieimporteure, die nicht gut in die Technologie-Wertschöpfungskette eingebunden sind unter Druck; dazu zählen nach Einschätzung des IWF vor allem Länder mit niedrigem Einkommen, für die höhere Energie und Nahrungsmittelpreise besonders belastend wirken.

In der Gesamtbetrachtung sieht der IWF die Risiken weiterhin tendenziell nach unten gerichtet. Die größte unmittelbare Gefahr bleibt eine erneute Eskalation im Nahen Osten mit anhaltender Rohstoffpreisvolatilität und potenziellen Versorgungsengpässen. Hinzu kommen Risiken durch eine zunehmende Handelsfragmentierung sowie durch erodierte fiskalische Puffer in hochverschuldeten Ländern, die bei neuen Schocks schnell zu einer Neubewertung von Tragfähigkeiten und zu strafferen globalen Finanzierungsbedingungen führen könnten. Auf der positiven Seite könnten eine schnellere Normalisierung der Energiepreise sowie anhaltend hohe Unternehmensinvestitionen in neue Technologien zu einem stärkeren Wachstum führen.

Was bedeutet dieses Umfeld nun für Unternehmer und Anleger? Während die USA dank ihrer führenden Rolle im globalen KI-Infrastrukturzyklus und einer vorteilhaften Energieautarkie ein robustes Wachstum verzeichnen, verharrt Europa in einer Phase der Stagflation. Unternehmen und Investoren sollten in ihren Planungen eine geografische Übergewichtung von US-Engagements und technologieintegrierten Märkten in Erwägung ziehen, während für den deutschen bzw. europäischen Markt so lange eine defensive Positionierung ratsam bleibt, bis fundamentale Strukturreformen bei Steuern, Energiepreisen und Arbeitsanreizen realisiert werden.

Newsletter vom 29. Juli 2026

Martin Schilling – Leiter Geschäftsstelle Private Banking Hannover
M.M. Warburg & CO

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